Montag, 11. Dezember 2006

Die phantastische Reise zu mir selbst - tief im Innern der Erde

Ja, was schreibt man über einen Marathon, der 700 Meter unter der Erde stattfindet, bei dem es landschaftlich nicht besonders viel zu entdecken gibt, bei dem es keine „Lauf Papa“ oder „ Wir essen zeitig“ - Schilder gibt und bei dem man nicht durch die Zuschauer auf den letzten Kilometern ins Ziel getragen wird?!Ein Marathon, im Inneren also, nicht nur im Erdinneren, auch im Körperinneren vielleicht... ist man doch so ganz und gar bei sich selbst, diese 42,195 km lang. Nicht abgelenkt von der Außenwelt, hat man Zeit, im Schein der Lampe seinen ganz eigenen Gedanken nachzuhängen, seinen Körper mehr denn je zu spüren. Deshalb wird wohl auch in der Ausschreibung neben der hohen physischen auf die psychische Belastung hingewiesen.Aufgeregt stehen wir in der zugigen Halle vor dem Förderkorb. Eine Box, ein bischen erinnert sie an einen Viehtransport, schluckt 20 Läufer, Rollo runter, Eisentür zu, ein lauter Gong ertönt und ab geht es, in die Tiefe. Im Korb ist es dunkel, dicht gedrängt stehen wir, die meisten schweigen, manche kommentieren belustigt das rustikale Rumpeln des Korbes an die Schachtwände, andere haben mit dem Druckausgleich zu tun. Beim Lied aus meiner Signatur wird diese Situation so beschrieben:

Eng in den Förderkorb gedrängt,Sieht er sich selbst dort eingezwängt,Als ob ein Film vor ihm abliefe.Alle Gespräche sind verstummt,Nur das gewalt‘ge Stahlseil summtWährend der Reise in die Tiefe.

Nach 3,5 min sind wir angekommen... eine Bergmannskapelle begrüßt uns mit zünftiger Blasmusik, es hat etwas Beruhigendes, Gemütliches hier unten. Gänsehaut beim aussteigen aus dem Förderkorb. Aber nicht vor Kälte, die herrscht hier wahrlich nicht, obwohl es nicht so warm ist, wie angekündigt. Aber das wird sich noch ändern.Wir treffen dann auch auf Schwabenpfeil und Claudi II, sie nimmt freundlicherweise meinen Fotoapperat an sich und wir vereinbaren, daß sie ihn mir nach der ersten Runde reicht.Dann geht es endlich los, mit einem großen Gong wird der Marathon eröffnet. Mein Marathon Nummer 5 mit der Startnummer 55 auf dem Bauch, mein Dessert, ungeplant, spontan entschieden, auf „Gut Glück“ eine Mail an den Veranstalter geschickt, von Euch motiviert, es zu tun... laufe ich los! Ich merke, wie das Endorphin während der ersten Meter durch meinen Körper strömt. Ruhig bleiben, nur nicht zu schnell loslaufen, denke ich mir. Doch ich brauche mich nicht lange zurückhalten, der erste Anstieg bremst mich von selber aus. Schön, ich genieße das Laufen hier unten, teste mit den Schuhen den Grip, teilweise ist es recht rutschig hier. Immer noch finde ich es sehr, sehr aufregend hier unten. Ausgediente Fahrzeuge, abgestützte Stollen, ein Wasserloch, eine Art Pausenraum, auf dem noch eine typische DDR-Tischdecke an frühere Zeiten erinnert... Es ist phantastisch, der Gedanke von der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ nimmt Gestalt, Formen und Gefühle an. Kein GPS, kaum Kilometerschilder, nichts, was Dich dazu bewegen könnte, Dein Tempo zu ändern, nichts, nur die riesigen, steilen, unendlichen Anstiege und im Gegenzug die Gefälle, der teilweise rutschige Boden. Noch ist das Feld recht dicht zusammen, trotzdem hört man kaum Gespräche, irgendwann steigt eine unendliche Hitze in den Kopf, doch irgendwann ist das auch vorbei, spüre ich die Wärme nicht mehr, habe mich daran gewöhnt. Das viele Trinken (alle 2,5 km zwei Becher) hilft, Durst verspüre ich eigentlich kaum. Die letzten zwei Kilometer der Runde gehen seicht bergab, man fliegt förmlich in den Zuschauerbereich hinein und die Strapazen der zurückliegenden 8 Kilometer werden auf diesen letzten zwei Kilometern wieder recht gut kompensiert. Wie soll man da ans Aufhören denken? Claudi drückt mir meine Kamera in die Hand, aber ich fühle mich viel zu frisch für Fotostops und bitte sie darum, sie mir nach der zweiten Runde noch einmal zu geben.Nach 10,55 Kilometern werde ich mit 1:07:45 gescannt und liege auf Platz 178 (2. Frau). Dies jedoch werde ich, bis auf die Uhrzeit, erst später aus den Ergebnislisten erfahren. Ich fühle mich frisch, als es in die zweite Runde geht. Nun wird das Läuferfeld spärlicher, die Gänge dunkler, die Stille stiller. Nun habe ich Zeit, ganz bei mir zu sein. Die steilsten Anstiege, die ich in schnellem „Gehschritt“ nehme, weil ich sie auch nicht schneller erlaufen kann, genieße ich. Ich geb mir die volle Breitseite, es ist eine Art Steigen, was ich da mache. Ich komme mir großartig vor, als würde ich gerade eben etwas Gigantisches tun, keinen Marathon laufen, nein, das muß was Anderes sein. Und Außerdem will ich überhaupt nicht mehr fotographieren. Ich will hier nicht stehen bleiben, ich hab dazu keine Zeit, ich will mir die Kante geben... So richtig austoben will ich mich hier. Aber wie sag ich das Claudi, die extra da wegen mir wartet... Ich werde ihr sagen, daß Läufer eben manchmal doof sind. Ich versuche jetzt irgendetwas von einer Hochrechnung, indem ich die Verpflegungsstellen zur Orientierung nutze... auch hier sind Läufer eben manchmal doof... aber das ist ja bekannt.Halbmarathon, die zweiten 10,55 Kilometer erreiche ich nach 01:08:59, habe sechs Plätze gutgemacht und liege in der Frauenwertung auf Platz 3. Claudi steht wieder mit der Kamera da, ich erzähl ihr was von doofen Läufern, schütte zwei Becher Wasser in mich hinein und verschwinde in der Dunkelheit der dritten Runde.Jetzt wird es still, ganz still. Und noch dunkler. Ich bin allein. Und wenn ich doch einmal auf einen anderen Läufer stoße, dann gibt es keinen Wortwechsel. Ich will in Ruhe gelassen werden und ich habe den Eindruck, das geht jedem hier so. Ich genieße dieses Alleinsein mit mir, dieses Rendezvous mit meinem Körper, diesen Einblick in mich selbst...

Schweißtropfen ziehn durch sein Gesicht,Bahnen im Staub, er spürt es nicht,Er treibt den Stollen mühsam weiter,Spricht mit sich selbst, er ist allein,Den unruhigen LampenscheinUnd die Gedanken als Begleiter.

Und während ich allein mit mir bin, entdecke ich immer neue Dinge in diesem Raum zwischen den Welten. Salzkristalle leuchten im Schein der Lampe, manchmal staubt die Luft, manchmal hört man in der Ferne irgendwo ein Dröhnen eines Fahrzeuges. Und ist allein. Mit sich selbst und seinen Gedanken. Seinen Gefühlen, seinen Schmerzen und seinen Hoffnungen. So wie die Strecke, so gehen auch die Gefühle rauf und runter. Während ich den Berg hinaufmarschiere, möchte ich laufen, laufe ich, möchte ich gehen... nein, ich werde doch nicht gehen, wo ich laufen kann... Ich will nicht langsamer werden, ich will konstante Rundenzeiten. Während ich einen dieser ewigen Anstiege hinaufkämpfe, zerstört ein lautes gequältes „Vorsicht“ und ein Stöhnen die Ruhe. Der spätere Sieger überholt mich, er hat es fast geschafft, und trotzdem möchte ich nicht mit ihm tauschen. Er verschwindet irgendwo da oben im Berg und wieder bin ich allein. Und ich freue mich darüber. Mir fehlen weder die Zuschauer noch das laute Bum Bum der Samba Bands, mir fehlt nicht die Atmosphäre der Stadtmarathons, die ich doch so sehr liebe. Hier ist es angenehm. Hier ist es einsam. Hier bin ich mit mir.Und nach weiteren 01:09:37, einem Gesamtplatz 113 bin ich weiterhin die 3. Frau. Aber davon ahne ich überhaupt nichts. 3:26 bin ich jetzt unterwegs, und während ich mich auf die letzte Runde mache, spinnt sich mir der Gedanke, meine Frankfurt-Marathon-Zeit auf die Minute genau um eine Stunde zu verlängern. Jetzt brauche ich mir keine Kräfte mehr einteilen, jetzt geb ich mir die Berge im Laufschritt, so lange es geht. Nur, wenn es besonders steil ist, gehe ich mal ein Stück. Jetzt muß ich beißen, danach wieder anzulaufen. Nur nicht zögern, keinen Schritt zuviel gehen. Um so schwerer fällt es dann. Zwischen Kilometer 35 und 37 ist es dann wieder da, wenn ich mein Herz am „Rechten Fleck“ hätte, müsste ich mir Sorgen machen. Dieses Stechen, das dann ganze zwei Kilometer lang von der rechten zur linken Seite hinüberwandert und sich dann in Luft auflöst. Ich kenne das aus jedem Marathon. Was ist das? Ein Test? Keine Ahnung. Pünktlich an Km 37 ist es wie immer verschwunden. An der letzten Verpflegungsstation kämpft ein Läufer mit Krämpfen. Ich biete ihm Salz an, erst mag er es nicht, dann nimmt er es doch. Ich wünsche ihm alles Gute und laufe weiter. Viele stehen jetzt und dehnen. Ich bin froh, dank einer Tick-Tack-Schachtel mit Kochsalz um dieses Problem herumgekommen zu sein. Das Laufen geht jetzt nur noch mechanisch, der Körper funktioniert, schwitzen tue ich schon lange nicht mehr. Ich versuche, bei den wenigen ebenen Passagen etwas Tempo aufzunehmen und habe auch das Gefühl, das es mir gelingt. Dennoch wird dies mit 01:13:45 meine langsamste Runde. Als ich die Musik aus dem Zielbereich höre, durchströmt mich ein wahnsinniger Stolz. Ich habe diese harte Nuss geknackt. Ich habe das tatsächlich geschafft. Du bist so lange mit Dir allein in dieser Dunkelheit tief unter der Erde, nun spielt da diese Musik im Ziel, und sie spielt nur für Dich.Nach 04:39:45 erreiche ich das Ziel, als Dritte Frau, als Zweite meiner Altersklasse und als Gesamt – 95ste von 288 Finishern. Am Start standen 401 Läufer.Als der Förderkorb uns nach 17 Uhr wieder an die Erdoberfläche bringt, ist es ebenso dunkel, wie im Schacht. Noch bin ich viel zu aufgewühlt und überwältigt, doch als ich heute morgen die Zeitung rein hole, überkommt mich eine ungeheuere Lust, in den neuen Morgen zu laufen.So bin ich, völlig unplanmäßig, in meine Laufschuhe geschlüft, bin an der Oder entlang dem Sonnenaufgang entgegengelaufen und war wieder einmal mit mir ganz allein. Und das war ein guter Morgen.

„Das ist ein guter Tag, der über den Dächern der Stadt aufgeht,Wie all die unerwähnten, in Erinnerung verschwomm‘nen.Denn auch über dem unscheinbarsten, alltäglichsten wehtDer Hauch des Einzigen und das Versprechen des Vollkomm‘nenIch bin bereit, zu lernen, seine Kostbarkeit zu sehn,Mich auf ihn einzulassen und ihm jede Chance zu geben,Ich bin bereit, den langen Weg bis ans Ende zu gehnUnd bis zum allerletzten Ton den Ausklang zu erleben.Im Wissen, daß ich eines Tages nichts anderes mehrErbitten und ersehnen, daß ich gar nichts auf der ErdeSo sehr wie einen neuen Morgen, eine WiederkehrDes unscheinbarsten, alltäglichsten Tags erflehen werde.Ich weiß, was ich sag -Das ist ein guter Tag!“R. Mey aus „Das war ein guter Tag

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Mittwoch, 1. November 2006

Mit Vollgas durch die Häuserschluchten - auf der Suche nach dem Sinn des Marathons

In einem Artikel der „Psychologie Heute“ aus dem Jahre 2001 steht geschrieben, Marathonläufer machen auf dem Weg zum Ziel einen vielschichtigen psychischen Prozess durch: Zu Beginn voller Euphorie und strotzend vor Selbstbewusstsein, begegnen sie irgendwann ihrem inneren Schweinehund, der ihnen einen Vogel zeigt und das starke Ego zu einem willenlosen Häufchen Elend macht, welches sich anschließend durch das Tor der Leiden schleppt um sich dann am Ende wieder selbst davon zu befreien und belohnt durch ein unglaubliches Glücksgefühl durchs Ziel zu fliegen: Eine Doppelrolle sozusagen: Opfer und Erlöser zugleich. Wie beeindruckend.Bei mir funktionierte das schon in der Vorbereitung nicht – mit der Doppelrolle. Irgendwie hatten sich da zwei Typen breit gemacht in mir, dieser und dieser Und diese beiden Typen diskutierten bis aufs Messer: : "Na? Das solltest Du Dir auch mal antun… so richtig quälen (Frei nach dem Motto: Quäl Dich, Du Sau)": "Wozu? Ich genieße jeden Meter der zweiundvierzigtausendeinhundertfünfundne unzig. Da hab ich doch viel mehr davon": "Dann wirst Du `s nie erfahren, was den wirklichen Zauber des Marathon ausmacht": "Mir hat`s bis jetzt gefallen, es war Zauber genug, ich habe mir geschworen, Marathon soll Genuss bleiben": "Du willst doch auch mal heulen im Ziel! Das wolltest Du doch schon in Berlin… Du wirst heulen im Ziel…": " Ok, das will ich!!! Endlich mal heulen im Ziel! Ja, da könnt ich mich auf einen Kompromiss einlassen": "Nix Kompromiss, wo kommen wir denn da hin. Oder vielleicht doch?"Der Kompromiss kam in Form einer Zeittabelle daher, die bis Kilometer 30 ein Tempo versprach, welches Genuss genug sein sollte. Und wenn ab da dann der Genuss immer noch ein solcher ist, dann wird das Tempo verschärft. Na gut: will mich also quälen und will heulen. Oder war es umgekehrt???29.10.2006Verdammte Zeitumstellung. Seit über einer Stunde liege ich wach. Ich will endlich laufen. Ich will jetzt raus, ich will auf die Strecke… Endlich klingelt der Wecker. Frühstück, rein in die Laufsachen, der Blick aus dem Fenster (verdammte Klamottenfrage). Wie mag ich doch die Hitzemarathons. Da stellt sich die Frage nicht wirklich. Kniehose, Kurzarmshirt und Weste, das muss passen.Guten Morgen Hammermann, Foritreffen, noch mal aufs Klo und noch einmal, Banane, Wasser, Garmin an, Zappeln im Startblock, Luftballons in den Himmel schicken, Piepen der Zeitmatte, Start und los geht es: Zum Marathon Nummer 4. Im anderen Frankfurt. Zum ersten Mal. Dabei bin ich 30 km von Frankfurt aufgewachsen. Und doch war dieses hier unereichbar für mich. Nun darf ich hier sein. Und Marathon laufen. Das ist toll. Das ist Gänsehaut. Der Messeturm grinst mich an.Ich finde keinen Rhythmus, schnaufe viel zu sehr, finde mein Tempo nicht. Bin zu langsam, laufe schneller. Bin zu schnell und bremse mich aus. Es läuft nicht rund. Aber es fliegt. Ein Kilometerschild nach dem nächsten. Jetzt hab ichs. Jetzt läufts.Das ist wohl Phase 1 des Psycho-Marathons. Die mit dem Selbstbewusstsein. Die ist cool. Die führt auch über die Mainbrücke mit der Skyline im Hintergrund. Ich bin fasziniert. Inmitten dieser Faszination überhole ich den Teekessel, den unsere Frauschmitt auch bereits kennenlernen durfte. Ich hau mich fast weg, vor Lachen. Blos keine Seitenstiche bekommen. Das gibt’s doch nicht: der pfeift. Der pfeift wirklich. Das muß der Gleiche sein.Ich warte auf die zweite Phase! Wo bleibt der Schweinehund? Komm raus, Du Mistvieh, du verdammtes! Er winselt nur und versucht es mit einem Trick. Er versteckt das Wasser vor mir, irgendwo bei Kilometer 25… da kommt nur noch so ein Schorlezeug, das ist mir nix, das trau ich mich nicht… Na gut, dann muß ich wohl den Tee nehmen. Verdammter Schweinehund. Das hast du clever gemacht. Mein Magen rebelliert. Aber nur kurz, glücklicherweise kann ich ihn dann doch mit einer Banane beruhigen. Weiter geht’s! Phase 3 bitte. Das wäre jetzt die des Häufchen Elends. Ok, ich habe keine Lust mehr. Die Beine werden schwer und das Tempo ist hoch. Kein Wunder, ich habe ja auch noch mal etwas angezogen. Das halte ich ganze 3 Kilometer aus. Jetzt ist das Häufchen am schleppen. Ist das also das Tal der Leiden? Pah, na ja, gut, dann ist es das. Dann bin ich da jetzt angekommen. Dann lauf ich mich da wieder raus. Aber nicht mit Fünfnull. Das schaff ich nicht. Na und. Lauf ich langsamer, kann ich länger genießen. Oder leiden. Was denn nun…. Vor mir hüpft ein schwarzes Shirt mit dem Aufdruck „Marathonmädchen“. Ich spreche sie an… „Laufen aktuell?“ "Ja!!! Und du bist Kathrin?" "Ja, genau!" Ich überhole sie, später tut es mir leid, nicht wenigstens noch 3 Worte mehr mit ihr gewechselt zu haben. Ich bekomme Gänsehaut. Mitten auf der Mainzer Landstraße, dieser „Durststrecke“, treffe ich in einer mir völlig fremden Stadt 650 km von Zuhause weg ein Marathonmädchen und sie kennt mich… Und überhaupt, ich bin nur am Überholen… immerzu!Und irgendwann, wir haben immer noch Phase 3, halte ich Ausschau nach Rosapuscheschmittfrau… Jaaaa, da ist sie! Und sie läuft ein paar Meter mit mir, so wie Mandy in Berlin. Das tut so verdammt gut. Danke Heidi! Fragt mich, wie`s mir geht… „Scheiße“, antworte ich. „Nur noch 4 Kilometer“ „Ja, ich weiß“. So, weiß ich? Dann wird es Zeit, in Phase 4 überzugehen. Also raus aus dem Tor der Leiden, war sowieso nicht so doll, auf zum Befreiungsschlag, jetzt ist es Zeit für Glücksgefühle. Die kommen, als ich die rosa Püschel wieder sehe, Kilometer einundvierzig und auch wenn das Zweiundvierzigerschild ewig nicht auftauchen will… Gleich hab ichs geschafft.Hinein in die Festhalle, im Gleitflug über den Teppich, mit ausgebreiteten Armen durchs Ziel bei 03:39:53! Ist das geil!Das nächste Absperrgitter brauch ich zum Festhalten, nur kurz durchatmen, fehlt da nicht was? War nicht heulen angesagt? Na gut, weiter im Läuferpulk, zu den Medaillen, eine Treppe runter – was? Das soll jetzt der Heulgrund sein? Oh man, so hatte ich das doch nicht gemeint. Medaille um den Hals, Folie um die Schultern, Wasser, Banane, Kaffee, so sitze ich schließlich inmitten von vielen in Folie gehüllten Läufern auf den Gehwegplatten vor der Festhalle… sitze da und heule! Verdammt ist das schön! Danke Frankfurt, für diesen Moment!Etwas Statistik gibt’s noch, wär doch schade, wenn jetzt einer heult!

ZEITEN5 km 0:26:0510 km 0:50:5215 km 1:17:1120 km 1:43:00Halb 1:48:5225 km 2:09:1730 km 2:35:5735 km 3:01:4440 km 3:28:41Ziel 3:39:53GESAMTPlatz (Gesamt) 189Platz (Altersklasse) 38

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Dienstag, 19. September 2006

Zwischen Berg und tiefem tiefem (Weida)Tal gibt es einen kleinen, aber feinen...

... MarathonNach dem Rennsteiglauf brauchte ich ein Event, welches mir die Zeit bis zum Frankfurt Marathon verkürzt und außerdem die Versuchung, 5 Wochen vorher in Berlin zu laufen, entschärft. Außerdem sollte es keine bestzeittaugliche Strecke sein, das hab ich ja erst in Frankfurt vor und ich weiß, daß ich sonst die Füße nicht stillhalten kann. Es musste also was im Gelände sein, am besten schön bergig... Da kam mir dieser Thread zum Weidatalmarathon hier gerade recht und als Fräse dann auch gleich spontan Übernachtungsmöglichkeiten anbot war klar: Das mach ich. Das wird ein schöner Trainingsmarathon. Meine Freundin wollte mich begleiten und da wir geschwindigkeitstechnisch bei Wettkämpfen eher weniger harmonieren, sollte dieser Marathon eine gute Gelegenheit sein, auf Zeiten zu pfeifen und das Ding einmal zusammen durchzustehen und zusammen zu finishen.Am Samstag standen wir uns dann also zum ersten Mal gegenüber – Fräse und ich! Und es war wieder so, wie schon so oft, wenn man Foris trift: Man kennt sich einfach, auch wenn man sich noch nie zuvor gesehen hat. In Fräses Haus bezogen wir Quartier, und nachdem wir vom 500 m entfernten Start/Zielbereich unsere Startunterlagen abgeholt hatten, gab es eine private Nudelparty mit Fräses Family und noch anderen Teilnehmern, die ebenfalls bei ihm Quartier bekommen hatten. Perfekt. Und da hörten wir zum ersten Mal etwas von: „... schlimmer als Rennsteig...., aber im Vgl. zum Vorjahr schon entschärft..., 900 Höhenmeter “ Ich freute mich aber irgendwie darauf, denn die Berge auf dem Rennsteig haben mir Flachländer schon im Mai einen Riesenspaß bereitet.Sonntag, der 17. September: 10 Uhr beginnt mein dritter Marathon. Die ersten 10 km gehen relativ relext und flach. Dorf, Pferdekoppeln, Wiesen, Wald... Berge und Täler sind zwar neben der Strecke, aber nicht auf dieser. Dies sollte sich jedoch bald ändern. Doch nach jedem harten Anstieg wurde Läufer mit einem herrlichen Ausblick über die tolle Landschaft und die Seen des Thüringer Vogtlandes belohnt. Reichlich Verpflegungspunkte mit Wasser, Cola, Schorle, Salz, Bananen, ja sogar Power Gel, kurz allem, was der Läufermagen beim Marathon begehrt. Ich bin begeistert. Rauf und runter geht es weiter über Schotter, Geröll, Wiesen, Waldwege... sogar vorbei an einer Schanze und durchs Wildgehege. Tolle Strecke hast Du Dir da ausgedacht, Fräse! Es geht mir gut, ich bin gut trainiert und zu keiner Zeit des Laufes am Limit angekommen. Nur vor einer Situation hatte ich Angst: die 21,1km-Runde mußte zweimal gelaufen werden. Werde ich das mental durchhalten, wenn Andere ins Ziel laufen und ich noch einmal ran muß Werde ich! Am Durchlauf steht Fräse, läßt Fotos machen und feuert uns für die zweite Runde an. Nicht eine Sekunde denke ich daran, aufzugeben. Ich bin froh, diese Situation so gut gemeistert zu haben, denn es war mein erster Runden-Marathon. Aber wie`s aussieht, habe ich kein Problem damit. Nun geht’s also abwärts mit der Kilometerzählerei und die Berge kenne ich auch schon. Ich weiß, was mich erwartet und kann die Anstiege locker angehen. Tempodruck habe ich nicht, im Gegenteil, ich muß immer wieder mal etwas davon zurückschrauben oder oben auf dem Berg auf meine Freundin warten. Aber das ist ok, so war es vereinbart, ich habe Spaß und kann die Landschaft und die schönen Aussichten wirklich genießen. Das Einzige, was mir etwas zu schaffen macht, ist der Untergrund. Das Geröll und die spitzen Steine schmerzen nach über 30 Kilometern an den Fußsohlen. Die kurzen Abschnitte auf Asphalt sind dagegen wie ein Schweben.Irgendwann kommen wir ins Ziel, das Thermometer zeigt 28 Grad, es gibt Medaillen, Urkunden, T-Shirts, Kuchen.... und eine ausgiebige, professionelle Massage. Ich bin begeistert, es ist eine perfekt organisierte, kleine familiere Veranstaltung, von der sich so manch größere eine dicke Scheibe abschneiden kann. Fräse, vielen Dank, es hat uns riesigen Spaß gemacht bei Euch, im nächsten Jahr sind wir wieder da, das ist sicher. Vielleicht nehme ich dann eine der anderen Distanzen unter die Füße, oder vielleicht doch wieder... Nun aber ist ersteinmal eine Woche Erholung angesagt (heute gingen schon wieder schöne 12 km ), und dann geht es mit großen Schritten dem Frankfurt Marathon entgegen. Der ist dann flach und bestzeitentauglich. Freu mich drauf! Danke fürs Lesen!

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Samstag, 20. Mai 2006

"Über den Wolken" - oder 43,5 Kilometer Party mit Tati

Jörg ist schuld! In seinem Geburtstagsthread hat er mich dazu überredet. Dafür hab ich ihm am Start seinen Kuchen weggefuttert. Das hatte er nun davon! Strafe muß schließlich sein.Mit kurzen Hosen, die Jacke um den Bauch gebunden, stehe ich leicht fröstelnd bei 8°C in Neuhaus am Start. Neben mir Tati und Stephen, mit denen ich dann auch zusammen den Schneewalzer schunkeln darf. Ist das eine Stimmung. Zum Abheben schön!Wir haben uns irgendwo im hintersten Drittel eingereiht. Das wird mir aber erst klar, als wir über die Matte sind und sich vor uns die Läuferschlange endlos den ersten Berg hinaufbewegt. Ich habe bereits dieses Grinsen im Gesicht, das immer noch nicht so richtig weg ist. Welch tolles Gefühl und welch phantastisches Publikum in Neuhaus. Es geht nur sehr langsam voran, diesen ersten Kilometer. Und das ist auch gut so, denn meine Oberweite ist von ziemlich klein auf Megagroß gewachsen, so stolz ziehe ich meine Bahn. Ich laufe meinen zweiten Marathon. Ich laufe den Rennsteig. Ich, das Tausend-Taler-Pferd, das im August 2004 begonnen hat, einen Schritt vor den anderen zu setzen um dabei annähernd eine kurze Flugphase zu erreichen. Heute habe ich das Gefühl, als würde diese Flugphase ewig dauern. Zum Abheben schön ist das hier in Neuhaus.Einige Kilometer geht es sanft bergauf, die Straße ist jetzt breiter und wir sind ständig am Überholen. Wenn das so bleibt, denke ich mir... Nein, natürlich bleibt das nicht so... und da geht es auch schon ... bergab. Tati und ich lassen uns „rollen“, warum sollen wir uns auch ausbremsen, es macht gerade so einen Riesenspaß und bremsen kostet Kraft. Wir kichern also den Berg hinunter und dann kommt endlich der erste steile Anstieg. Er ist schmal, führt über Wurzeln, Pfützen, Schlamm und wir versuchen ständig zu überholen, was jedoch aufgrund der Masse an Läufern recht schwierig ist. Hier merke ich zum ersten Mal, daß ich vielleicht doch etwas weiter vorn hätte starten sollen. Allerdings liegen wir voll im Zeitlimit.Auf dem Dreistromstein ist die erste Verpflegungsstelle. Im Gegensatz zu Berlin fällt es hier niemandem ein, mit dem Becher in der Hand weiterzulaufen. Hier ist Volksfest! Ich spüle die erste Portion Gel hinunter und dann geht es auch schon weiter. Ab und zu scheint die Sonne und ich bin froh, mit kurzen Sachen zu laufen. Die Jacke um den Bauch stört zwar nicht sonderlich, nur der Reißverschluß schlägt mir ab und zu an das Bein und das schmerzt etwas. Also beschließe ich, die Jacke bei Kilometer 22 meinem Mann in die Hand zu drücken. Aber noch sind wir nicht so weit. Es geht wieder sanft bergab und Tati fängt an zu singen: „Über den Wolken...“ und ich, textsicher bei Reinhard Mey, stimme natürlich lautstark ein. Macht das einen Spaß! Nun geht es einen langezogenen Anstieg zum Masserberg hinauf, der scheint kein Ende zu nehmen. Immer, wenn es mal kurz eben wird, bin auch ich wieder gesprächig. Tati quasselt auch bei Bergen... unfaßbar für mich. Ich vergleiche diesen Lauf mit der Geburt meiner Tochter, immer wenn eine Wehe kam, dann war ich mal kurz still, war sie wieder vorbei, hab ich mit meinem Mann gequatscht. Später hieß es dann schon scherzhaft beim Anblick des nächsten Berges: „da kommt die nächste Wehe“.Am Masserberg war wieder Volksfest angesagt, statt langen Tischen mit Getränken stehen hier kleine Hütten. Laute Stimmungsmusik dudelt aus den Lautsprecherboxen und die zahlreichen Zuschauer heizen den Läufern ordentlich ein. Kurz bevor wir diesen höchsten Punkt der Marathonstrecke verlassen und den normalen Laufschritt wieder aufnehmen, tanzen und singen wir mit dem Publikum!Lange laufen wir nicht, dann kommen wir plötzlich zum Stehen. Hier wird es eng, hier wird es steil, hier geht’s bergab. Das ist kein Laufen mehr, eher ein Klettern und Stehenbleiben. Hier drängelt keiner, hier meckert keiner – Rennsteig eben. Erst hatten wir Renn, jetzt Steig. Über Wurzeln geht es ca. 1,5 Kilometer in diesem Tempo hinunter. Leider beginnt hier auch ein Ziepen in meiner Kniekehle, was ich so noch nicht kannte. Erst als wir wieder laufen können, verschwindet es.Kilometer 22 naht und damit auch der Punkt, an dem mein Mann stehen und ich ihm meine Jacke zuwerfen wollte. Um nicht rumzutrödeln, band ich sie mir schon ab und nahm sie in die Hand. Leider stand er nicht dort. Leicht wütend band ich mir das Teil also wieder um den Bauch – ca. 5 Kilometer weiter war ich froh, daß ich sie noch hatte. Ein eisiger Wind kam auf, es fing an zu regnen. Aber es ging bergauf und somit empfand ich das in diesem Moment noch eher angenehm. Auf den nächsten 11 Kilometern folgten 3 richtig bissige Anstiege. Tatis Herangehensweise (nicht nach vorn schauen, noch mal tief Luft holen) gefiel mir und genau so hab ich es dann auch gemacht. An diesen Anstiegen gingen fast alle, ich aber wollte Laufen. Ich vornweg, Tati hinter mir. Meter für Meter kämpfte ich mich hinauf und an den Anderen vorbei, Tati immer hinter mir im Augenwinkel behaltend. Sie blieb dran.Was war ich stolz, nicht gegangen zu sein. Während ich, oben angekommen, leicht ins Rumprotzen verfiel, offerierte mir Tati, daß sie hinter mir gegangen ist.... ich bin also so schnell gelaufen, wie Tati gegangen.Wenn es bergab ging, hatte ich Mühe, Tati zu folgen. Der Wind blies mittlerweile heftig, es war eisig kalt an den Händen und Beinen. In Neustadt stand dann mein Mann und lief einige Hundert Meter mit uns mit, bis zur Verpflegungsstation. Hier, an Kilometer 30 wurde dann auch das Foto gemacht, welches uns mit den Trinkbechern zeigt. Als er uns 5 Kilometer weiter auflauerte, um noch mal ein Foto zu machen, war dies das letzte Mal, das man uns trocken sah! Es machte immer noch riesig Spaß, was man auf den Fotos ja auch sehen kann. Ist Partytime auf dem Rennsteig, und ich bin dabei. Macht das Laune hier, und noch keine Probleme in den Beinen, alles fühlt sich frisch an. Ich bin leicht verwundert.Bei Kilometer 38 ist der letzte Versorgungspunkt erreicht, da mein Gel bereits aufgebraucht aber mein Magen hungrig ist, fliegen hier zwei Riegel und zwei Stückchen Banane rein. Schleim, Schmalzbrote, Wurst und andere kulinarische Rennstrecken-high-lights verkneife ich mir besser. Während Tati mal in die Büsche verschwinden muß, gehe ich langsam vor. Das war vielleicht etwas gemein, aber unser Vorsprung zur Zielzeit betrug nur noch 5 Minuten und somit war Tati gezwungen, gleich loszulaufen. Jetzt bekam ich jedoch wieder ein Problem in der Kniekehle. Gehpausen sind wohl Gift für mich. Die nächsten 150 Meter humpelte ich so langsam vor mich hin und dabei fiel mir ein: wenn ich noch ein Pferd wäre, hätten sie mich erschossen! Ich aber durfte am Leben bleiben und als das Knie wieder Betriebstemperatur erreichte, war auch das Ziepen wieder weg. Dafür regnete es jetzt in StrömenNun ging es fast nur noch bergab. Eigentlich wollte ich jetzt noch mal so richtig Gas geben. Bei Kilometer 40 konnte man schon die Lautsprecheransagen und die Musik vom Ziel hören. Ich fragte Tati nach ihrem Befinden, sie hatte leichte Magenprobleme. Mir ging es prächtig, glaubte ich zumindest. Hugo Hammer hatte ich nicht getroffen. Kuno Wimmerzahn habe ich verjagt... aber mit Kalle Wadenkrampf hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Immer wenn es bergab ging, sprang er mir an die rechte Wade und biß sich fest. Mitkerl der! Tatis Worte: „immer die Ruhe“ taten gut und ließen erst gar keine Panik aufkommen. Das Dehnen war Sekundensache und Kalle war verschwunden. Von nun an versuchte er sich immer wieder, an meine Waden zu hängen. Eigentlich wollte ich die letzten Kilometer etwas mehr genießen, nun war ich nur damit beschäftigt, ihn abzuschütteln. Als es den letzten Anstieg zum Sportplatz hinaufging, war ich froh, denn bei dieser Fußstellung war ich „krampffrei“. Das ging also richtig gut – bis es wieder eben wurde. So kam es leider, daß ich diese letzten 400? Meter 3 Mal kurz dehnen mußte, bevor mich Tati an der Hand packte und wir lauthals jubelnd nach 4:25:30 über die Ziellinie schwebten.„Über den Wolken“ waren wir nicht wirklich, aber „muß die Freiheit wohl grenzenlos sein“ habe ich noch nie zuvor deutlicher gespürt, als beim Auf und Ab auf diesem Volksfest inmitten des Thüringer Waldes!Als ich dann gegen 19 Uhr die Wahnsinns-Party schweren Herzens verlassen mußte, zeigte das Thermometer im Auto je nach Höhenlage 2,5 bis 6 ° C an. Und mir war so, als hörte ich aus der Ferne Kalle Wadenkrampf kichern!


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Montag, 26. September 2005

Berlin 2005

Manchmal ist ein Tag ein ganzes Leben,...
... manchmal ist ein Tag ein ganzes Jahr.
Manchmal ist ein Tag ein ganzes Leben,
manchmal werden alle Träume wahr.
(Nena)

Ich laufe mit strahlendem Lächeln und Tränen in den Augen durch`s Brandenburger Tor dem Ziel entgegen! So, oder so ähnlich hatte ich es mir auf meinen vielen, einsam-langen Läufen ausgemalt. Alles wollte ich herausheulen, Freude, Glück, Dankbarkeit. Es sollte anders kommen.

Gegen 22:30 Uhr am Vorabend, falle ich, vollgefuttert vom Fori-Treffen beim Italiener, in meinem Quartier in Lichtenberg in`s Bett. Meine Gastgeberin hatte mir extra noch eine Tasse "Schlafmützchen-Tee" zubereitet und ich kann zu meiner eigenen Überraschung recht schnell und traumlos einschlafen. Gegen 3:30 werde ich wach, muß mal eine Tür weiter und auch danach schlief ich gleich wieder ein. Zaubertee . Nun kam er, der berühmte Albtraum, der mich und angeblich auch viele andere Läufer in der Nacht vor einem Wettkampf ereilt. Diesmal war weder der Chip verschwunden, noch hatte ich meine Laufschuhe vergessen - nein, meine Laufschuhe habe ich dabei, allerdings von etwas anderem Kaliber. Gelbe Gummistiefel mit dezent hellblauem Blümchenmuster. :eek: Der 1. Marathon meines Lebens führt um einen See. Mit den Stiefeln an den Füßen hangele ich mich mit letzter Kraft an einem Bretterzaun dem Ziel entgegen. Meine Beine sind schwer wie Blei und nur unter Einsatz der Armkraft gelingt es mir, vorwärts zu kommen.
Das Klingeln des Weckers erlöst mich glücklicherweise von diesem Lauf und nun wird es ernst.

Beim Treffen an der französischen Botschaft gibts natürlich mein Glückstoast mit Plaumenmus. Auch die Glückssocken habe ich an, die Gummistiefel gegen meine Asics getauscht, dafür aber 2 gelbe Gummi-Glücksarmbändchen am Arm (Danke).
Nun steigt die Aufregung langsam ins Unermessliche. Auf dem Weg zum Startblock, aus dem ich zusammen mit JoPaJo und Van starten will, muß ich das ungeliebte Dixi-Klo besuchen. Riesenschlangen davor ließen es langsam eng in der Zeit bis zum Start werden, doch meine beiden Begleiter warten geduldig, bis die letzte wichtige Sache auch erledigt ist. Na ja, sie habens da einfacher .

Im Eilschritt geht es zum Startblock, rüber über die Absperrung und rein in die Menge. Als wir langsam Richtung Matte geführt werden, habe ich Gänsehaut am ganzen Körper. Ein Wahnsinns-Gefühl, es geht los, ich laufe meinen ersten Marathon. Ich!

Die Kilometer 1 bis 16 fliegen förmlich dahin. JoPaJo und Van bleiben die ganze Zeit an meiner Seite. Ab und zu ermahnen sie mich, langsamer zu laufen. Danke dafür, denn die Euphorie treibt doch wahnsinng vorwärts. Mandy, Janina und mein familierer Fanclub stehen das erste Mal bei Kilometer 11. Es ist schön, das sie da sind . Das mit dem Trinken vorm Marathon muß ich noch lernen, bei km 16 muß ich in die Büsche verschwinden und mich von meinen lieben Begleitern trennen. Nun bin ich auf mich allein gestellt. Aber ich bin ja schon ein großes Mädchen.

Ab Kilometer 28 ist es irgendwie vorbei, mit dem Kilomterfliegen. Die bis dahin gefühlten 300 Meter/Kilometer verwandeln sich langsam in reelle 1000 Meter. Aber das find ich in Ordnung. Sonst wäre dieses schöne Erlebnis ja viel zu schnell vorbei. Hier steigt auch mein Garmin aus. Ende, er mag nicht mehr. Nur die Stopuhr funktioniert glücklicherweise noch. Die Wahnsinns-Stimmung am Wilden Eber läßt mir aber keine Zeit, mir darüber irgendwelche Gedanken zu machen und meine Zeittabelle hab ich ja auch noch.

Die Stimmung auf dem Kudamm ist noch einmal phantastisch, danach wirds aber doch langsam schwer. Meine Beine merken auf einmal auch, daß wir da einen Marathon laufen. Von nun an bis km 40 lechtze ich nach jedem Kilometerschild. Gefühlte Länge pro Km: 1500 m. Ich stehe vor der Wahl: Klotzen um jeden Preis oder Genießen. Ein am Boden liegendes Mädchen, um das sich die Ärzte kümmern, hilft mir bei der Entscheidung: ich will geniessen. Mein großes Ziel kann jetzt eigentlich nur noch durch ein Desaster auf den letzten Kilometern platzen. Und das will ich nicht gefährden. Just in diesem Moment taucht Mandy neben mir auf, packt mich bei der Hand und läuft ein paar Meter mit mir. Die richtige Kraftspritze im richtigen Moment, super Mandy, das war Klasse . Bei Kilometer 38 sehe ich das rosa Tuch meines Familienclans. Wie schön, ich laufe an die Seite zu ihnen, rufe ihnen beim Abklatschen zu, wie toll sie doch aussehen und erwarte ein "Du auch" oder so... . Aber das haben sie nicht gesagt . Dafür läuft mein Mann ein Stück mit mir und fragt mich, wie`s mir geht. "Na ja, eigentlich saugut, aber nun wirds langsam schwer", antworte ich. "Es sind doch nur noch 4 Kilometer", sagt er und da realisiere ich es erst: Nur noch 4 Kilometer . Freude macht sich breit, die Kilometer beginnen wieder zu fliegen, obwohl ich die Beine und die Fußsohlen spüre, 39, 40, 41 und da steht das Brandenburger Tor in der Ferne wie eine Fata Morgana. Alle wollen dahin, ich auch. Jetzt ist gleich Heulen angesagt, ich bereite mich schon mal darauf vor. Durchs Tor, Heulen klappt nicht, es schnürt mir die Luft ab in dem Moment, in dem mir die Tränen in die Augen schießen wollen. Also nix mit Heulen, aber eine Chance gibt es ja noch, den Zieleinlauf . Von der Tribüne hinter dem Tor höre ich laute "Kathrin"-Rufe. Meine Familie wieder. Was ist das schön! Ich laufe durchs Ziel, heulen geht immer noch nicht, der Traum ist geplatzt, der Traum vom heulend-lachenden Zieleinlauf. Ich kann nur strahlen, das aber über`s ganze Gesicht, ich habe es geschafft.

Nach 405 Tagen Läuferdasein bin ich meinen 1. Marathon mit einer Zeit von 03:57:38 gelaufen. Ich bin einfach glücklich und unendlich dankbar. Und während ich das hier so schreibe, klappts auch endlich mit einem Tränchen!

Eure Kathrin

Den Originalbericht aus dem Forum und alle Kommentare gibts hier: KLICK

Samstag, 9. Juli 2005

Schlaubetal 2005 - wie alles begann

Ich lade Euch herzlich ein...

.. beim Lesen mit mir ein Stück durch meine brandenburgische Heimat zu laufen, die ich so noch niemals gesehen habe.

"Noch nie hab ich die staubige Erde so gern berührt,
so samt und weich die Steine an meinen Füßen gespürt.
Noch nie hab ich den Duft der Felder in der Mittagsglut
so gierig eingesogen, nie war mir so zu Mut
beim Anblick eines Raben, der am Mittagshimmel schwebt
und langsam niedersinkt - ich hab noch nie so gern gelebt!
(Reinhard Mey)

Nun, über Musikgeschmack läßt sich bekanntlich streiten, deshalb hatte ich heute Morgen auch erst mal zu tun, um das "Gejaule" meiner Tochter, besser gesagt, deren Musik, von meinem MP3-Player zu verbannen und meine eigene Musik draufzuspielen. Nein nein, keine Angst, beim Laufen höre ich nicht Reinhard Mey

Ach übrigens, für Alle, die sich daran erinnern, daß ich meinen nächsten Bericht erst wieder schreiben wollte, wenn ich meinen ersten Marathon gelaufen bin, und sich nun wundern, da es bis Berlin noch 10 Wochen sind: des Rätsels Lösung erscheint am Ende des Berichtes.

Mein neuer Camelbak sollte heute den ersten richtig langen Lauf mit mir machen. Also hab ich diesen mit Handy und MP3-Player (für die Zeiten des Leidens) bestückt und zwei Bananen zwischen die Kordeln geklemmt. Mein heute wichtigstes Utensil, eine Radwanderkarte, kam hinzu.

So ging es also los, bei 14° und bewölktem Himmel - ideales Laufwetter. Ich brauchte gar nicht weit zu laufen, um zu bemerken, daß ich den neuen Sport-BH von Tschibo wohl doch hätte eine Nummer größer nehmen sollen . Was solls, zurück wollte ich nun nicht mehr, zur Not kann ich ihn ja später immer noch ausziehen, was sicher nicht so schlimm ist, denn bei meinem Gewichtsverlust hat das mit der Umverteilung leider nicht so geklappt .

Zurück zum Thema. Ich lief also durch die Wälder und Felder meiner Heimat, hier war ich irgendwann mal mit dem Auto, aber noch nie habe ich die Schönheit der Natur in diesem Landstrich so sehr genossen, wie heute. Ich hatte mir nur eine ungefähre Route herausgesucht und wollte nach Lust und Laune den Weg nehmen, der mir gerade gefällt. So stieß ich plötzlich mitten im Wald auf eine Allee mit ca hunderjährigen Eichen. Mitten im Wald :eek:, einfach so, lag sie vor mir und wie mir meine Karte verriet, führte sich kerzengerade auf eine frühere Wassermühle. Ich stellte mir vor, wie es war, damals vor hundert Jahren, und da sah ich sie auch schon: Bauern mit Strohhüten und Pferdegespann, wie sie ihr Korn zur Mühle brachten. Sie verschwanden und mit knatterndem Lärm tauchten Motoradfahrer mit Beiwagen, in Uniform und mit Stahlhelm, auf. Nach plötzlicher Ruhe ein Flüchtlingstreck, mit Handwagen, auf denen das bischen Hab und Gut im Takt der Schlaglöcher des Weges hüpfte, auf dem Weg in ein besseres Morgen. Dann das unverkennbare Geräusch eines Trabbis, gefolgt von einem Golf. Ich träumte: Zeitreise durch die Geschichte auf 4 Kilometern. So kurzweilig kann Laufen sein. Der MP3-Player schmollte im Kamelsack.

Ich kam an ein Sonnenblumenfeld. Kurze Zeit spielte ich mit dem Gedanken, mir eine zu mopsen und sie an den Camelbak zu den Bananen zu stecken. Ich liebe Sonnenblumen . Allerdings waren die Bananen streng limitiert und somit die Letzte für Km30 bestimmt. Ich stellte mir die Sonnenblume bei Km30 vor. Das wäre ja der Zeitpunkt, zu dem ich der Blume Auge um Auge gegenüberstehen würde. Schlapp, durstig, mit hängendem Kopf. Das fand ich demotivierend und ich verzichtete großzügig auf den Blumenklau.

Die erste Banane verabschiedete ich feierlich wie geplant nach 15 Kilometern. Dabei gönnte ich mir eine kurze Pause, um gleichzeitig auf der Karte meine Position zu bestimmen und die weitere Marschrichtung festzulegen. Ich lief dann weiter zu besagter Mühle, durch Wälder, verschlafene Dörfchen, vorbei an Seen. Einfach nur schön. An der Mühle angekommen, war dort ein Wanderweg zur nächsten Mühle ausgeschildert, wie praktisch. Es ging immer entlang des kleinen Baches namens "Schlaube". Ich war also im Schlaubetal. Der Weg führte oberhalb des Baches, der ziemlich tief in einem ursprünglichem, zerklüftetem Tal lag. Spätestens hier ärgerte ich mich, keine Kamera dabei zu haben. An einem Wanderrastplatz sah ich auf den Garmin, denn mein Magen meldete Bananenalarm. Ich war bei Kilometer 33 und hatte es gar nicht gemerkt :eek:. Ich war noch kein bischen müde. Ok, kurze Pause, Banane und Karte. Nun mußte ich ja mal schauen, wie ich langsam nach Hause komme. Das sich ein Schmetterling auf meinen Arm setzte, bestätigte mich in der Annahme, noch recht frisch auszusehen und vielleicht auch noch einigermaßen so zu riechen .

Der kürzeste Weg nach Hause, allerdings ziemlich verworren, war etwa 5 km lang, jedenfallst checkte ich das so grob mit Daumen und Zeigefinger auf der Karte. Der einfachere Weg war etwas länger und beim Check erkannte ich zweifellos: es wird ein Marathon! Na dann, Alles fühlt sich noch frisch an, warum nicht, nach Hause mußte ich ja. Für den Telefonjoker war ich viel zu gut drauf.

Der Inhalt meines Camelbaks verließ mich nach Km40, was zu verschmerzen war. Vor dem heimischen Hoftor hatte ich auf dem Garmin ganze 42,74 km stehen und eine reine Laufzeit von 04:40. Die Durchschnittszeit pro Kilometer lag also wie geplant bei gut 6:30. Ein Tempo, das ich konstant und auch locker noch über die letzten Kilometer hatte halten können.

War das ein grandioser Tag! Ich bin meinen ersten Marathon gelaufen, ungeplant und ganz für mich allein. Ich habe jeden Schritt genossen, insofern ich denn überhaupt gemerkt habe, daß ich gelaufen bin. Nicht einer hat wehgetan, keiner kam mir zuviel vor. Und jetzt, gut 7 Stunden später tut auch nix weh. Nur das Grinsen, das hab ich immer noch

Viel Freude am Laufen wünscht Euch Allen

Eure Kathrin

Den Originalbericht aus dem Forum samt Kommentaren gibts hier: KLICK - jedenfalls solange der Server dort nicht wieder umgestellt wird.